Willkommen im exponentiellen Zeitalter

Christian Sadrinna
8 min readAug 22, 2021

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Photo by Francesco Gallarotti on Unsplash

Lesen und verstehen, wie …

  1. Dezentralisierung und Digitalisierung zusammen hängen
  2. Exponentielles Wachstum im digitalen Zeitalter funktioniert
  3. Technologien die Grundlage für den Umbruch bilden

Ausgangslage

Die Welt funktioniert in unserer Vorstellung linear — die Gesellschaft mit all ihren Errungenschaften funktioniert linear und lässt sich zum Großteil so erzählen. Erste Geschäftsmodelle haben seit den 2000er Jahren aber Erfolge aufgewiesen, die linear kaum noch zu erklären waren. Der Anfang einer neuen Epoche, indem exponentielles Wachstum zu einem Wesenszug der Gesellschaft wird.

Kernaussage (dieses Textes)

Die Wenigsten können Digitalisierung wirklich begreifen und erklären — womöglich gibt es aber auch keine allgemein gültige Erklärung. Die Erfolgsgeschichten von Facebook, Amazon und Co. — als Paradebeispiel digitaler Unternehmen — beruhen ausschließlich auf Geschäftsmodellen, die durch Netzwerkeffekte zu Stande gekommen sind. Neue Technologien von Morgen werden es ermöglichen, dass die Gesellschaft mehr denn je verbunden sein wird und Netzwerkeffekte jedes Wachstum definieren und lineare Themen verdrängen werden — und damit einen radikalen Wandel in der Gesellschaft einleiten.

Wie alles begann — scheinbar

Die Corona Krise aus dem Jahr 2020 hat vieles verändert, beschleunigt und auch entschleunigt. Ein wesentliches Element der täglichen Berichterstattung in den Medien war dabei die Inzidenz und die Gefahr des exponentiellen Wachstums. Wir haben viel gelernt über das Virus und wurden durch das Wachstumsthema auch nochmal an dunkle Zeiten aus dem Mathematikunterricht erinnert. Dabei sind Vorstellungsschwierigkeiten bei einer solchen Wachstumsrate nur menschlich. Unser Gehirn ist darauf programmiert, linear zu denken. Im Falle der Pandemie konnte man durch eine ausreichend große Drohgebärde auf die Gefahr aufmerksam machen — im Falle der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die in den nächsten Jahren anstehen, gestaltet sich das Ganze schon schwieriger. Die Digitalisierung ist ein Buzzword und kaum jemand kann es so richtig beschreiben oder greifen— schon gar nicht Politiker. Dabei hat Digitalisierung und die einhergehenden Veränderungen viel mit exponentiellen Wachstum zu tun — durch Dezentralisierung. Aber was ist Dezentralisierung und wo ist die Verbindung zum Wachstum und der Digitalisierung?

Kurzer mathematischer Exkurs: Je größer die Anzahl der Teilnehmer in einem Netzwerk (z.B. Viren & ihre Wirte), desto exponentieller verhält sich die Anzahl aller Verbindungen im Netzwerk (Verbindung von Viren untereinander, Menschen untereinander) — Gesetz von Herrn Metcalf.

Image Credit: Applying Brooks’ Law to Lines of Communication and Team Size

Wo ist die Verbindung zu unserer Gesellschaft? In einer Welt von zentralen Organisationen, Firmen, Staaten und Institutionen, gibt es untereinander schon viele Verbindungen — allerdings auf wirtschaftlicher Ebene eher von Institution zu Institution, von Firma zu Firma, Staat zu Staat. Die einzelnen Personen (eigentlichen Akteure) innerhalb der Gebilde, spielen hierbei eine wichtige, aber untergeordnete Rolle. Zentralisierung hat ihre Vorteile und ist unglaublich effizient. Sie bündelt Personen zu Interessengruppen und hat damit über Jahrhunderte eine wertvolle Aufgabe vollbracht. Betrachtet man allerdings historisch die Geschichte der Menschheit, so war sie nur zu einem Bruchteil so organisiert, wie sie heute organisiert ist. Menschen haben über die meiste Zeit in kleinen Gruppen oder alleine Handel miteinander getrieben und hatten eben in jener kleinen Kohorte die Verantwortung für ihr tun. Im Laufe der Zeit wurden die Kohorten immer größer bis irgendwann ganze Interessengruppen entstanden, in denen die Verantwortung eines Einzelnen in der Masse der Gesamtheit eingeflossen ist. Die daraus resultierenden Konsequenzen sind uns heute vertraut: feste Arbeitszeitmodelle und Gewerkschaften, Beamtentum, Bewegungen nach dem Sinn des Lebens, Happy-Fridays & Manic-Mondays und so weiter. Es ist keinesfalls alles schlecht und die Lebensumstände haben sich in vielen Bereichen über Dekaden verbessert — vielleicht widerstrebt es aber der menschlichen Natur?

Könnte eine Rückkehr zu einem dezentralen Gesellschaftsmodell mit Hilfe der Digitalisierung zu dem neuen Modus Operandi werden? Was würde passieren, wenn man die Akteure direkt verbinden könnte? Was würde passieren, wenn es des Weiteren neue (bisher nicht existente) Akteure geben würde? Was würde passieren, wenn man alle miteinander “sicher und vertrauensvoll” verbinden könnte — global? Die Anzahl der möglichen Verbindungen wäre gigantisch!

Facebook hat eindrucksvoll bewiesen, wie exponentielles und digitales Wachstum funktioniert — und hat damit alle anderen linearen Konkurrenten (wie StudiVZ) ausgeboten. Das Wachstum im exponentiellen Maßstab ist der Garant für den Erfolg und befriedigt im Falle von Facebook dessen Anteilseigner mit Milliarden durch eine gigantische Plattform für Kommerz. Der Nutzen des Netzwerks (Verbindung zwischen Freunden) und Ökonomie (Werbeeinnahmen) sind hierbei allerdings getrennt.

Gleiches Prinzip — anderes Beispiel: Uber. Die Firma ist im wesentlichen nur ein Software-Tool (Plattform) und besitzt keine Autos. Trotzdem ist die Firma das größte Taxiunternehmen der Welt — durch die Anzahl der Fahrer und Fahrinteressenten die das größte Mobilitätsnetzwerk der Welt darstellen. Auch hier ist es ein Unternehmen die durch neue Technologien (Internet, SmartPhone, mobile Netze) eine Plattform erschaffen hat, deren Wert mit Anzahl der Teilnehmer zu einem “de facto” Standard wird. Die lokale Taxizentrale wurde hier durch eine globale und zentrale Taxizentrale ersetzt, was Abhängigkeiten schafft, Zensur erlaubt und im Falle von Uber sehr einseitige Profiteure hervorbringt: Aktionäre. Die Plattform fördert auf der einen Seite damit Dezentralisierung, indem sie ohne große Hürden einzelne Anbieter und Nachfrager zusammenbringt, auf der anderen Seite spiegelt sie jedoch das größte Problem der aktuellen Digitalisierung: Unternehmen werden zu ganzen Märkten und wenige Anteilseigner profitieren überproportional vom exponentiellen Wachstum. Der Punkt an dem auch Otto Normalos Anteilseigner per Aktien werden, können ist meist die Phase NACH der exponentiellen Erstphase. So sind es große Venture Capital Unternehmen und andere private Institutionen mit Vorkaufsrechten. Exponentielles Wachstum ist wichtig und schafft Anreize für Geschäftskonzepte nach Metcalfes Gesetz zu wachsen.

Nur so eine Idee, aber was wäre, wenn diese Netzwerk Effekte und deren monetäre Teilhabe identisch wären? Was wäre, wenn nicht nur Großinvestoren zu einem früheren Zeitpunkt Teilhaber sein können, sondern jeder und jederzeit? Was wäre, wenn es Technologien gäbe, die Dezentralisierung erst wirklich ermöglichen und unterschiedlichste Teilnehmer vertrauensvoll interagieren lassen könnte? Was wäre wenn das kaum greifbare Wort Digitalisierung einfach nur eine Beschreibung für diesen Megatrend ist?

Eine Welt von morgen

Willkommen im exponentiellen Zeitalter in der sich Technologien und Strukturen auftun, die Dezentralisierung ermöglichen und eine gerechtere Teilhabe an Projekten ermöglicht. Dezentralisierung ist hierbei der Schlüssel für die Inklusion und findet u.a Ausdruck in folgenden Megatrends:

  • Sicherer Werteaustausch — Blockchain ist eine der größten Technologien der letzten Jahrzehnte und ist Dezentralisierung per Definition
  • Globales WLAN — Starlink & Co. (erdnahe Satelliten) bringen das Internet prinzipiell in jeden Breiten/Längengrad des Globus (abseits von zentralen Metropolen) und ermöglichen die Inklusion für jeden — überall
  • Superschnelle Mensch & Maschine Verbindungen — 5G Mobilfunkstandard vernetzt alles lokal & ultraschnell miteinander
  • Glokale Produktion — 3D Drucker ermöglichen lokale Produktion (Maschinen, Produkte, Lebensmittel) von globalen Produkten

Auf unsere Gesellschaft werden sich Wellen von exponentiellen Fortschritten übereinander stapeln und die Gesellschaft in ein exponentielles Zeitalter katapultieren, dessen Auswirkungen die Große Masse wenig verstehen wird — wie beschrieben durch die Wirkungsweise unseres Gehirns bei exponentiellen Themen.

Um das Thema etwas konkreter zu machen, schauen wir uns Ethereum genauer an — ein Netzwerk aus dem Blockchain (Krypto) Bereich. Allgemein könnte man Ethereum als eine Art Weltcomputer bezeichnen auf der Programme ausgeführt und laufen gelassen werden können, beispielsweise eine Börsen App um gegenseitig Werte auszutauschen. Als Maß- und Betriebseinheit nutzt das Netzwerk Ether — ein digitales Gut mit einem Marktpreis der sich nach Angebot und Nachfrage richtet. Diese Ether kann man nutzen, um auf dem Weltcomputer Apps zu programmieren und anderen zur Verfügung zu stellen … oder einfach nur als Objekt der Spekulation (günstig kaufen, teuer verkaufen). Der Nutzen von Ethereum steigt — wie bei jedem Netzwerk — mit der Anzahl der aktiven Teilnehmer. Dabei lässt sich die Anzahl leicht durch die Konstruktion dieses offenen Blockchain Netzwerkes identifizieren — als die Anzahl der Adressen (oder Konten). Einfaches Resumé: Adressen und Preis laufen im perfektem Gleichklang — siehe Glassnode Report.

Glassnode Report

Wendet man nun die normale Sichtweise auf Preise im Zeitverlauf an (wie bei Aktien üblich) so sieht es aus, als ob Ether ziemlich sprunghaft und volatil ist — ein echtes Spekulationsobjekt eben in den Augen der weiten Bevölkerung.

Glassnode Report

Wendet man hingegen eine logarythmische (Log) Sichtweise an (gemacht für exponentielle Fragestellungen), relativiert sich das Bild und es wirkt normal und gewohnt. Im exponentiellen Zeitalter und bei Preisen, die einem Netzwerk Effekt folgen, liefern logarithmische Charts eine viel sinnvollere Methode zur Begutachtung.

Und was hat das jetzt mit Dezentralisierung zu tun? Ethereum ist eine 100% dezentralisierte Plattform. Jeder Entwickler kann die Plattform bauen, teilen oder nutzen, um neue Anwendungen zu erstellen, die für alle klar und transparent zu sehen sind. Jeder aktiver Teilnehmer hat ein starkes Eigeninteresse an einer positiven Entwicklung der Technologie und der Verbreitung eben dieser. Jeder Teilnehmer ist nicht nur ein Teilnehmer, sondern kann auch aktiv Beiträge leisten und partizipiert als Eigentümer des notwendigen Ethers (Tokens) im direkten Maße. Zum Vergleich mit Uber und dem Beispiel des Taxis:

Eigentümer von Ether Tokens können Fahrer, Fahrgast oder Unbeteiligt sein, können die Plattform mit entwickeln (Open Source) und haben eine direkte Erfolgsbeteiligung durch die Möglichkeit das Eigentum (Tokens) zum passenden Zeitpunkt zu verkaufen.

Ethereum steht stellvertretend für eine Reihe von vielversprechenden Projekten — das Prinzip und der Erfolgsfaktor bleibt aber der Gleiche. Bitcoin lässt sich demnach analog erklären und überholt in Lichtgeschwindigkeit das Wachstum des Internets. Hierzu noch ein abschließender Gedanke: Das Internet hat Menschen mit Menschen verbunden. Eine wahre Erfolgsgeschichte und trotzdem sind bis heute noch immer nicht alle 8 Milliarden Menschen angeschlossen und verbunden. Die Blockchains verbinden Menschen mit Menschen, aber auch Menschen mit Maschinen und Maschinen mit Maschinen. Das Wachstum und die Anzahl der aktiven Teilnehmer (Akteure) in solchen Netzwerken ist damit fast grenzenlos.

Credit to visbitcoin.com for Picture

Fazit

Wir haben im Rahmen der COVID Pandemie vermehrt über exponentielles Wachstum gehört und sind vielleicht ein bisschen vertrauter geworden — konnten uns vielleicht ansatzweise vorstellen, wie das Gesundheitssystem außer Kontrolle gerät. Diese virologische Dystopie trat bekanntlich nicht ein und wird es auch kaum, hingegen kann nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten aber eine positive Eutopie unser gesellschaftliches System erfassen und viele Bereich radikal revolutionieren. Ein schwarzes exponentielles Loch, welches ab einem gewissen Kipppunkt seine volle Kraft entfalten wird und alles bisher bekannte in den Schatten stellen wird. Noch bremsen irritierende Medienberichte, Skepsis und Angst die Verbreitung, allerdings scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein bis wir an einen Punkt gelangen, der sich auch davon nicht mehr aufhalten lässt. Im Gegensatz zur Corona Pandemie bringt dieser Punkt viele gute Veränderungen für die Gesellschaft und kann ein freiheitlicher Befreiungsschlag aus dem Joch einer zentralisierten Weltordnung sein. An diesen Punkt, hat man besser ein paar Tokens.

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